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Integrationsakteure im Bezirk: Iranische Gemeinde Deutschlands

Foto von MitarbeiterInnen und Vorstandsmitgliedern der IGD.

Bei Integration kann der Iran eine Inspiration sein

 

2010 gegründet, um die Interessen von Iranern zu vertreten, gehört die Iranische Gemeinde Deutschland zu den am schnellsten wachsenden Vereinen im Pangea-Haus. Dort sind sie Mieter seit 2013. Wie man Individualisten zusammenbringt und was man vom seit jeher multiethnischen Iran lernen kann, erfahren Sie im ersten Artikel unserer Reihe über die Organisationen im Bezirk.

 

„Drei Deutsche, ein Verein“, heißt es im Volksmund. Bei den Iranern ist das ganz anders: „Wir sind von der Mentalität eher Individualisten“ meint Ehsan Djafari, Vorsitzender der Iranischen Gemeinde in Deutschland e. V. (IGD). Deswegen war es sehr ungewöhnlich, dass bei der Gründung des Vereins 2010 – im Feststaal des Rathauses Schöneberg – 90 Personen zugegen waren. Das Anliegen dürfte überzeugt haben: Damals gab es bundesweit 450 iranische Vereine, die aber alle die Interessen ihrer Mitglieder vertraten. Die der iranischen Studenten, der Deutschen mit iranischer Abstammung, die Liste lässt sich lange fortführen. „Mit der IGD wollten wir die Belange aller Iraner in Deutschland vertreten“ erklärt Djafari, um nicht nur „Zuschauer in unserer neuen Heimat zu sein, sondern die Prozesse mitzugestalten“.

Nicht-politisch und nur auf Deutschland konzentriert


Kein leichtes Unterfangen. Denn die jüngste Geschichte des Irans ist Nährboden für eine starke Politisierung und Skepsis unter Iranern, egal wo sie leben. Deswegen war die Ausrichtung der IGD klar: nicht-politisch und nur auf Deutschland konzentriert. Eine weitere Hürde: die vielfältigen Interessen der hier ansässigen Iraner. Deren Einwanderung nach Deutschland geschah nicht in Schüben, wegen eines Krieges oder eines Abkommens. Sie hat eine Vielzahl von Ursachen. Schon in der Kaiserzeit siedelten sich Händler an. Ins Berlin der 20er Jahre kamen Schriftsteller, in den 60er Jahren Studenten und ab der Islamischen Revolution Ende der 70er politische Flüchtlinge. Diese vielen Partikularinteressen will die IGD zu einem Mosaik zusammenfügen. Ein Stück weit ist ihr das schon gelungen, denn rund 150 Mitglieder, Vereine wie Einzelpersonen, zählt sie schon.

Zivilgesellschaftliches Start-Up


„In den ersten anderthalb Jahren meiner Arbeit organisierten wir Regionalkonferenzen, um die Bedarfe der iranischen Vereine in ganz Deutschland aufzunehmen“, sagt Dirk Tröndle. Er war von 2018 bis Anfang des Jahres Geschäftsführer der IGD. Damals erlaubte eine Strukturförderung des BAMF von ehren- zu hauptamtlicher Arbeit umzuschalten. Das kam dem Zünden eines Turbos gleich: Hatte Tröndle zu Beginn nur einen Kollegen, so waren es Mitte 2020 um die zehn. Basierend auf den erhobenen Bedürfnissen entwickelte die IGD passgenaue Projekte; Tröndle sah dabei die IGD als zivilgesellschaftlichen „Start-Up“: schnell, agil, unhierarchisch und innovativ. Dabei half die Strukturförderung, die Vereinen den Luxus erlaubt, sich nicht von Projekt zu Projekt durchzuhangeln. „Wir konnten dadurch die strukturelle Prekarität vermeiden, der Alltag vieler gemeinnütziger Vereine“.

Werte-Dialog und Theater-Performances


Ein besonderes Highlight unter den vielen Projekten ist der Werte-Dialog, so Tröndle. Im flexibel konzipierten Projekt ging es um Heimat, Erinnerungskultur und Solidarität. Die Mitglieder der IGD sollten davon etwas haben, die IGD natürlich auch: Sie nutzte die Veranstaltungsreihe auch um neue Mitglieder zu gewinnen. Teil des Projekts war eine Vortragsreihe mit Erzählsalons des Autors Hamdo Faisal, ein Geflüchteter aus Syrien, der in wenigen Jahren so gut Deutsch lernte, dass er Bücher verfasste. Er selbst war sozusagen ein „best practice“ Beispiel, der viele Geflüchtete inspirierte. So wie eine Aufführung eines Laientheaters von jungen Afghanen und Iranern. Sie entwickelten die Performance „Das blaue Mädchen“, basierend auf einem so realen wie tragischem Fall. Weil einem jungen weiblichen Fussball-Fan der Besuch von Stadien verboten wurde, verbrannte sie sich öffentlich. Das Stück hätte 2020 in weiteren Städten Deutschlands aufgeführt werden sollen, doch dann kam Corona.

Die IGD in neuen Händen


Den Führungsstab, oder die Start-Up-Maus, hat Tröndle seit ein paar Wochen übergeben. Neue Geschäfstführerin ist Mi-Jin Busse, als studierte Arabistin und Iranistin interessierte sie die Position sehr. „Es geht bei der IGD um mir wichtige Themen: gesellschaftliche Teilhabe und Stärkung der Selbstbestimmung“. Sie begrüßt, dass seit kurzem Deutschland offiziell als Einwanderungsland gilt. Doch von der Absicht zur Wirklichkeit gibt es noch einen weiten Weg, den die Deutsch-Koreanerin zielstrebig mitgestalten will. „Unsere Arbeit soll helfen, das Zugehörigkeitsgefühlt zu stärken, und zwischen Mehrheitskultur und Zugewanderten vermitteln“. Zwei Projekte gefallen Busse besonders: die Chancenpatenschaft, oder „Vitamin P“, wie Pate: Ein oder eine Alteingesessene, die einem zugewanderten Jugendlichen im Übergang von der Schule zum Beruf als Lotse durch den deutschen Bildungsdschungel dient. Und „StaePolSel“, oder Stärkung der politischen Selbstbestimmung. Diese „Civic Ideas Factory“ ist ein Wettbewerb, bei dem bis zu 27jährige Ideen für Projekte vorschlagen. Die Gewinner lernen, Ideen in Wirklichkeit umzusetzen. Sie erhalten das Rüstzeug mit Antragstellung, Projektmanagement und Finanzierung. Aufgefallen sind ihr ein Vorschlag zur Stärkung der medialen Präsenz in der hiesigen Öffentlichkeit, sowie die Gründung eines „Safe Spaces“ für benachteiligte Schülergruppen, damit sie sich ihrer Stärken bewusst werden.

Einwanderer, die sich als Teil Deutschlands verstehen


Auf politischer Ebene sieht Busse besonders bei der Frage der doppelten Staatsbürgerschaft Nachbesserungsbedarf: Heute können problemlos Bürger aus der EU auch Deutsche sein, doch bei anderen Staaten ist es oft schwer. Das ist rein juristisch betrachtet etwas unfair, da es keine Gleichbehandlung vor dem Gesetz ist. Da ist es sicher hilfreich, wenn sich Organisationen wie die IGD nicht nur als Vertreter von Eingewanderten verstehen, sondern als aktive Mitgestalter ihrer neuen Heimat. Es sind keine Zugewanderten, die mitmischen wollen. Sie sind jetzt Teil Deutschlands, deswegen reden sie mit.

Iran: seit Jahrtausenden eine multiethnische Gesellschaft


Besonders für Kenner des Irans, wie Busse, und für Iraner selbst ist das deutsche Staatsbürgerschaft-Konzept ein Kontrast zu ihrer Erfahrung. „Der Iran ist seit Jahrtausenden eine multiethnische Gesellschaft“, erläutert Ehsan Djafari. Neben Persern gibt es dort zahlreiche Minderheiten: Türkmenen, Kurden, Aseris, Belutschen, Araber und weitere, die sich mehrheitlich als Iraner sehen – von den Minderheiten in den Minderheiten abgesehen, die Sezessionswünsche hegen und die es in fast jedem Land gibt. Man denke an die Basken in Frankreich oder die Schotten in Großbritannien. Was die ethnischen Gruppen im Iran eint, das ist paradoxerweise die Hochachtung vor den vielen alten Kulturen und Traditionen, die sie als zum Iran zugehörig empfinden. Mehr noch, sie verstehen es als dessen Erkennungsmerkmal. „Wir sind in Vielfalt vereint“, sagt Djafari. Da ist es nicht verwunderlich, dass die IGD im Pangea-Haus ansässig geworden ist, in diesem Vielvölkerhaus in Wilmersdorf. Und davon kann Berlin, Deutschland und vielleicht sogar die EU lernen.

 

 

Internetpräsenz der Iranischen Gemeinde in Deutschland e. V. (IGD)